Blindgänger

Blindgänger-Markierung Markierung eines “Blindgängers”
während einer Luftschutzübung 1935
Ein Problem, was nach beinahe jedem Luftangriff erneut auftauchte, waren die nicht detonierten Bomben, die im Schutt der zusammen­gestürtzen Häuser verborgen lagen oder sich einige Meter tief in den Boden gebohrt hatten. So oder so ging eine große Gefahr von den Blindgängern aus, da neben dem Versagen des Zünd­mechanismus auch die Möglichkeit bestand, dass die Bombe mit einem chemischen Langzeit­zünder (LZZ-Bomben) ausgestattet war. Dabei wird beim Aufschlag eine gefüllte Glasampulle zerbrochen, deren Inhalt (Aceton) sich langsam durch eine Zelluloid­membran ätzt, was schließlich den Zünder aktiviert. Die Verzögerungs­dauer ging von wenigen Stunden bis hin zu Tagen und Wochen. Die Entschärfung solcher LZZ-Bomben ist auch heute wegen der Brisanz der Zünd­mechanismen sehr gefährlich, ein Transport zu einem Sprengplatz meist nicht möglich.
Von außen waren die LZZ-Bomben nicht von “normalen” Blindgängern zu unterscheiden und führten so oft zu Verzögerungen bei den Bergungs­arbeiten der Rettungs­mannschaften, da das Umfeld erst gesichert werden musste. In der Regel blieben die Blindgänger bis zu acht Tagen liegen, die unmittelbare Umgebung wurde abgesperrt. Die Verordnung zum Umgang mit Blindgängern stammte am Anfang des Krieges noch aus dem Ersten Weltkrieg:

Sofort nach Auffinden ist die nächste Umgebung im Umkreis von etwa drei [!] Metern abzusperren. Die Blindgänger sind durch Warnungstafeln zu kennzeichnen, die bei Dunkelheit durch vorschrifts­mäßig abgeblendete Lichtquellen zu beleuchten sind.

Spätestens seit dem Beginn der Flächenbombardements 1942 war diese Vorschrift Makulatur geworden. In einer durch Bomben­teppiche und Flächen­brand zerstörten Straße war es fast unmöglich, die Blindgänger unter den Trümmern zu finden.
Für die Entschärfung eines Blindgängers gab es speziell ausgebildete Wehrmachtsangehörige, die sogenannten Feuerwerker. Diese mussten, oft nur mit einer einfachen Rohrzange versehen, die freigelegten Sprengkörper durch das Entfernen der Zünder unschädlich machen. Am Anfang des Krieges war dies noch eine verhältnis­mäßig kalkulierbare Arbeit. Später wurden neue Zünderarten entwickelt, die nicht mehr aus­geschraubt werden konnten und dadurch beinahe nicht mehr entschärfbar waren und häufig zum Tod des Feuerwerkers und seiner Helfer führten. Wie viele Personen während des Krieges bei Entschärfungs­aktionen umkamen, ist heute aufgrund zumeist fehlender Akten nicht bestimmbar. Sicher ist jedoch, dass besonders häufig KZ-Häftlinge umkamen, die – kaum ausgebildet und erfahren – auf die Bergung und Entschärfung der Blindgänger angesetzt wurden. Adolf Hitler und SS-Chef Heinrich Himmler hatten dazu 1940 den ausdrücklichen Befehl erteilt. Besonders in der zweiten Hälfte des Krieges wurde die Arbeit solcher Gefangenen-Räumtrupps immer häufiger und galt als unentbehrlich. Zumeist handelte es sich aber um Himmelfahrts­kommandos.

Viele Blindgänger ruhen seit Kriegsende im Boden. In der unmittelbaren Kriegsfolgezeit 1945-1951 starben auf dem Gebiet der Bundesrepublik noch über 5000 Menschen durch die Explosion von Blindgängern, davon mehr als 250 Feuerwerker.

Heute

Allein im Jahr 2005 wurden in Niedersachsen noch 127 sogenannte Großblindgänger (Mindestgewicht 50 kg) beseitigt. Dabei wurden allein 29 1000-lbs-Sprengbomben gefunden. 23 Bomben wurden gesprengt. 110 Funde kamen durch die Auswertung von Luftbildern zustande, die während des Krieges als Aufklärungs­fotos angefertigt wurden 1. Dafür steht für etwa 90 % des Landes Niedersachsen entsprechendes Fotomaterial (rund 400.000 Bilder) in sehr unterschiedlicher Qualität für die Auswertung zur Verfügung.

Auch im Braunschweiger Stadtgebiet werden von Zeit zu Zeit immer wieder Blindgänger gefunden:

  • Anfang April 2018 wird bei Tiefbauarbeiten in der Hennebergstraße ein 250-Kilo-Bombenblindgänger gefunden. Rund 10000 Menschen müssen für die Entschärfung ihre Unterkünfte verlassen. Von der Evakuierung ist ein großer Teil der Innenstadt betroffen, es gibt Einschränkungen bei den Straßenbahn- und Buslinien. Ein Konzert in der Braunschweiger Stadthalle wird abgesagt.
  • Am 11. März 2017 müssen rund 6000 Bewohner der Stadtteile Südstadt, Mascherode und Lindenberg ihre Wohnungen verlassen. Grund ist die Entschärfung eines 500-Pfund-Blindgängers, der am Rande des Rautheimer Holzes gefunden wurde. Die Entschärfung läuft problemlos und ist am frühen Nachmittag abgeschlossen.
  • Auf dem Gelände des Brawo-Parks in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hauptbahnhof wird am 20.7.2015 eine 10-Zentner-Bombe freigelegt. Für die Entschärfung muss das Umfeld großräumig evakuiert werden, etwa 11000 Einwohner sind betroffen. Der Bahnverkehr kommt zum erliegen, zahlreiche Straßensperrungen führen ebenfalls zu starken Verkehrsbehinderungen.
    In Vorsfelde bei Wolfsburg wurden im Juli zwei Weltkriegs-Panzerminen gefunden, die durch Sprengung beseitigt wurden.
  • Weitere Bombenfunde im Braunschweiger Stadtgebiet 2013: Juni in Rühme, Juli in Melverode.
  • Mitte Januar 2013 wird an der Schunter zwischen Rühme und Bienrode eine britische 500-Pfund-Bombe (220kg) gefunden. Rund 3300 Anwohner aus den umgebenden Wohnbereichen mussten kurzzeitig evakuiert werden, die Autobahn wurde gesperrt. Die Bombe wurde durch Entfernung des Zünders entschärft.
  • Auf dem Gelände der geplanten Flughafenerweiterung wird März 2012 erneut eine britische 250kg-Fliegerbombe gefunden. Da diese mit einem Langzeitzünder versehen ist, wird sie noch vor Ort zur Explosion gebracht. 1700 Anwohner müssen aus dem gefährdeten Bereich evakuiert werden, Autobahn und Flughafen werden für die Zeit der Beseitigung gesperrt.
  • Im Januar 2011 werden auf dem Gelände der geplanten Flughafenerweiterung fünf kleine Splitterbomben gefunden, die vom Kampfmittel­beseitigungsdienst der Polizeidirektion Hannover problemlos entschärft werden können. Evakuierungen sind aufgrund der Lage des Fundorts in einem Waldgebiet nicht notwendig.
  • Am 18. Oktober 2009 werden im Stadtteil Riddagshausen vier amerikanische Bombenblindgänger beseitigt, einer davon durch Sprengung. Zeitweise müssen 5200 Bewohner der näheren Umgebung evakuiert werden.
  • 2100 Mascheroder müssen kurzfristig ihre Wohnungen verlassen, als am 5. September 2009 in der Nähe des Ortes eine amerikanische 250 kg-Bombe freigelegt und entschärft wird.
  • Mitte Juni 2009 wird in Riddagshausen ein 500 kg schwerer Bomben­blindgänger entschärft. Rund 900 Bewohner aus der Umgebung müssen kurzfristig das Gefahrengebiet verlassen.
  • Am 31. August 2008 werden nach vorangegangener Luftbildauswertung in der Feldmark zwischen Mascherode und Stöckheim insgesamt vier amerikanische Blindgänger (zwei 500-lbs und zwei 1000-lbs-Bomben) gefunden. Rund 5100 Menschen werden für die Zeit der Bergung evakuiert, die angrenzende Autobahn A395 wird für zwei Stunden voll gesperrt. Die Entfernung der Zünder gelingt ohne Probleme.
  • An der Eisenbütteler Straße wird am 27. Juli 2008 ein amerikanischer Blindgänger von 150 kg freigelegt und nach einer halben Stunde erfolgreich entschärft. Rund 5300 Menschen wurden vor der Bergung durch den niedersächsischen Kampfmittelbeseitigungsdienst evakuiert.
  • Am 24. Januar 2008 wird bei Leiferde ein 225-kg-Blindgänger gefunden. Nach der Evakuierung der im Gefahrenbereich wohnenden Bevölkerung wird die Bombe am Abend gesprengt.
  • Anfang Juli 2007 wird bei Baggerarbeiten an der Varrentrapstraße eine amerikanische 100-Pfund-Bombe gefunden. Der gerufene Kampfmittel­räumdienst kann die Bombe erfolgreich entsorgen.
  • In Braunschweig-Bienrode wird am 15. Juni 2007 wird eine 225-kg-Sprengbombe gefunden. Nach der Evakuierung von 1200 Anwohnern im Gefahren­gebiet gelingt dem Kampfmittel­räumdienst die Entschärfung.
  • Am 21. Januar 2007 wird unter einem im Sturm umgestürzten Baum im Querumer Forst eine Flamm­strahlbombe gefunden. Die Bombe wird vom verständigten Kampfmittel­räumdienst entsorgt.
  • Am 10. Oktober 2006 wird bei Baggerarbeiten am Ringgleis eine 45 Kilo schwere Fliegerbombe gefunden. Diese war in unmittelbarer Nähe des OP-Bunkers Celler Straße niedergegangen. Der Blindgänger kann vom Kampfmittelräum­dienst problemlos entschärft werden. Bis zu 900 Menschen werden während­dessen kurzzeitig evakuiert.
  • Am 9. Dezember 2005 wird vormittags erneut eine amerikanische Fünf-Zentner-Bombe gefunden, diesmal im Siegfried-Viertel in der Eddastraße. 5300 Menschen müssen während der Entschärfung ihre Wohnungen verlassen, im VW-Werk ruhen Teile der Produktion. Die Entschärfung gelingt problemlos am Frühabend.
  • Am 22. November 2005 wird morgens bei Erdarbeiten neben der Brücke an der Pockelsstraße ein 5-Zentner-Bomben­blindgänger gefunden. Nachdem der Gefahrenbereich am Nachmittag evakuiert wurde, kann der Sprengkörper um 19 Uhr entschärft werden.
  • Auf dem Gelände der Jugenddorf-Christopherus­schule an der Georg-Westermann-Allee wird am 19. Oktober 2005 bei Erdarbeiten ein 85 Zentimeter langer Bomben­blindgänger gefunden. Da der Zünder fehlt, kann die Bombe aber gefahrlos abtransportiert werden.
  • Bei Sondierungsarbeiten im ehem. Schlossparkgelände wird Anfang Juni 2005 in fünf Metern Tiefe eine amerikanische 250-kg-Sprengbombe gefunden. Mehrere tausend Menschen werden vorübergehend aus der näheren Umgebung evakuiert. Die Bombe wird wenige Stunden nach dem Fund im Geitelder Holz gesprengt.
  • Beim Neubau der Stadtbahntrasse in Melverode werden im Mai 2005 insgesamt 24 Brandbomben gefunden. Dabei enthält allein ein nicht geöffneter Abwurf­behälter 14 Flamm­strahlbomben des Typs J 30 MKI. Die Bomben wurden nach ihrer Bergung zur Entsorgung nach Munster transportiert.
  • Im April 2004 wird auf einem Grundstück der Kleingartensiedlung Kralenriede eine amerikanische Spreng- und Splitterbombe vom Typ “FRAG 20” gefunden. Sie lag in einer Tiefe von 1,50 Metern und konnte problemlos entschärft werden.
  • Ende Juni 2003 wird in Riddagshausen eine 125-kg-Bombe freigelegt und entschärft, nachdem ein Luftbild­auswerter auf einer Fotografie einen verdächtigen Punkt geortet hatte.

Warnung

Eigentlich selbstverständlich, aber trotzdem sei nochmal darauf hingewiesen: Fundmunition aller Art (Granaten, Patronen, Minen, usw.) und unidentifizierbare oder mutmaßliche Munitions­teile sollten auf keinen Fall berührt, bewegt oder untersucht werden. Dies könnte schwere gesundheitliche, aber auch strafrechtliche Folgen für den Finder haben! Munitionsfunde sind am Fundort zu belassen und umgehend den zuständigen Ordnungs­behörden oder der Polizei vor Ort zu melden, damit weitere Maßnahmen erfolgen können.


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