Alliierte Luftangriffe auf Braunschweig
“Bald werden wir jeden Tag und jede Nacht erscheinen bei Regen, Sturm und Schnee – wir und die Amerikaner. Wenn ihr uns dazu zwingt, werden wir das Dritte Reich von einem Ende zum anderen heimsuchen. Ihr könnt uns nicht hindern, und ihr wisst das. Ihr habt keine Chance.”
(Aus einem über Deutschland abgeworfenem britischen Flugblatt, 1942)

In Südniedersachsen befanden sich mit Hannover, Peine und Braunschweig drei “Luftschutzorte” erster Ordnung, die wirtschaftlich wichtig waren und zudem dicht beieinander lagen. Dazu kamen Salzgitter und Wolfsburg, die aufgrund ihrer Industrie als Luftschutzorte mit Sonderstatus galten (Grafik). Der Raum Hannover-Braunschweig war also für die alliierten Bomber­verbände sehr interessant und lag zudem auf der “Bomber-Allee” der Alliierten nach Berlin.
Im März 1944 rangierte Braunschweig auf Platz 3 der Prioritätenliste des britischen Bomber­kommandos, hinter Schweinfurt und Leipzig. Der 1943 vom British Ministry of Economic Warfare herausgegebene “Führer durch die wirtschaftlich wichtigsten deutschen Orte und Städte” 1, das Standard-Nachschlage­werk der sieben Bombergruppen der 8. amerikanischen Luftflotte, enthält umfangreiche Luftbild­aufnahmen und Lagekarten der wichtigsten Ziele sowie Einzelheiten über Bauweise und Brand­anfälligkeit der Städte. In Braunschweig gehören zu diesen Zielen: die Flugplätze Broitzem und Waggum, das Luftflotten­kommando, die Luftfahrt­forschungsanstalt, Haupt- und Güterbahnhof, sowie die Kasernen von Wehrmacht und Luftwaffe und die Rüstungsindustrie.
Die Eisenhüttenindustrie in Salzgitter und das Volkswagenwerk in Wolfsburg lagen im unmittelbaren Umfeld Braunschweigs.
Während des Krieges erlebte Braunschweig insgesamt 885 Fliegeralarme, denen 51 tatsächliche Angriffe folgten. Besonders gegen Ende des Krieges, als die Luft­überlegenheit der anglo-amerikanischen Verbände übergroß wurde, musste immer häufiger Fliegeralarm gegeben werden. Im Jahr 1944 wurde im Monats­durchschnitt fast 35 Stunden Alarm gegeben, in den ersten drei Monaten des Jahres 1945 stieg dieser Wert auf 87 Stunden 33 Minuten (siehe Tabelle unten).

 
Luftangriffe auf Braunschweig
DatumArt / OrtGetötete
17.8.1940Nachts Einzelwürfe; Schrebergarten Mastbruch7
10.2.1941 0
11.2.1941 leichter Angriff; Wilhelmitor mind. 2
2.5.1941 Einzelwürfe; Hagen 17
7.1.1942 Einzelwürfe; Petritor ?
13.8.1942 Einzelwürfe; Hagen ?
24.8.1942 Einzelwürfe; Querum 0
7.1.1943 Einzelwürfe; Kälberwiese 0
27.9.1943 218
11.1.1944 Lutherwerk Bienrode 4
14.1.1944 19 Uhr leichter Angriff; Gartenstadt Rüningen, Altewiek 14
30.1.1944 104
30.1.1944 21:40 Uhr Einzelwürfe ?
10.2.1944 350
20.2.1944 110
21.2.1944 15:30 Uhr leichter Angriff 26
29.2.1944 11:30 Uhr leichter Angriff; Lehndorf 14
15.3.1944 10:25 Uhr mittelschwerer Angriff; Petritor, Wilhelmitor 23
23.3.1944 11 Uhr leichter Angriff; Altewiek 17
29.3.1944 13:15 Uhr mittelschwerer Angriff; Petritor, Wilhelmitor u.a. 20
8.4.1944 14 Uhr schwerer Angriff; Wilhelmitor 116
23.4.1944 44
26.4.1944 9:30 Uhr schwerer Angriff; Hagen, Siegfriedviertel, Ölper 24
29.4.1944 11 Uhr leichter Angriff; Ölper -
8.5.1944 10 Uhr mittelscherer Angriff; Altewiek, Stadtpark, Hagen, Querum 24
19.5.1944 206
23.5.1944 1:18 Uhr Einzelwürfe 4
5.8.1944 13:15 Uhr schwerer Angriff; Petritor, Wilhelmitor, Hagen, Rühme 37
13.8.1944 0:30 Uhr schwerer Angriff; Innenstadt, Stadtpark 99
24.8.1944 11:30 Uhr mittelschwerer Angriff; Querum, Rühme, Hagen 24
9.9.1944 23:15 Uhr leichter Angriff; Querum, Hagen 4
17.9.1944 2:30 Uhr leichter Angriff 34
18.9.1944 22:30 Uhr Einzelwürfe ?
28.9.1944 22 Uhr leichter Angriff; Melverode 2
2.10.1944 13 Uhr Einzelwürfe; Gliesmarode 0
2.10.1944 20 Uhr leichter Angriff; Veltenhof 0
15.10.1944 633
22.10.1944 15 Uhr mittelschwerer Angriff; Altewiek 18
2.2.1945 20 Uhr Einzelwürfe im Bereich des Hauptbahnhofs 14
3.3.1945 10:30 Uhr schwerer Angriff; Innenstadt, Petritor, Wilhelmitor, Stadtpark, Veltenhof. Ziel der 191 B-17-Bomber sind u.a. das Büssing-Werk, die Wilke-Werke und die Miag 76
31.3.1945 69
10.4.1945 Einzelwürfe Stadtpark 12
12.4.1945 Mit der Unterzeichnung der Übergabedokumente im Bunker Münzstraße durch den kommissarischen Oberbürgermeister Dr. Erich Bockler endet um 2.59 Uhr morgens der Zweite Weltkrieg für Braunschweig. Summe 2: 2359
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Dauer der Fliegeralarme 1939-1945 3
Darstellung der Jahresgesamtzeiten (braune Balken) und des Monatsdurchschnitts (grüne Balken)
Jahr Relative Darstellung Std:Min Anzahl
1939
0:18
0:18
1
1940
136:57
11:25
82
1941
89:02
7:25
38
1942
25:14
2:06
23
1943
110:08
9:10
99
1944
418:49
34:54
441
1945
(bis April)

291:50
87:33
201
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Galgenhumor

„Das ist Weihnachten 1944:
Die britischen Flugzeuge liefern die Weihnachtsbäume,
unsere Flak sorgt für die Weihnachtskugeln,
Propagandaminister Goebbels erzählt das Weihnachtsmärchen ...
und wir sitzen im Keller und warten auf die Bescherung!“

„Einer fragt seinen Freund:
– Und was machst Du nach dem Krieg?
– Eine Reise durch Deutschland.
– ... und nachmittags?!“

„Bombenangriff. Es brennt ringsum, Trümmer liegen in den Straßen. Schließlich geben die Sirenen Entwarnung. Da ruft eine Stimme in den Keller: Ihr könnt wieder raufkommen – wir haben die Luftherrschaft zurückgewonnen!“

Trotz der bitteren Erfahrungen der vorangegangenen Großangriffe lieferten die Kriegserfahrungen auch Stoff für Witze. Diese waren jedoch nur hinter vorgehaltener Hand zu hören: Zu schnell konnte man dafür im Gefängnis oder in einem Konzentrationslager landen...

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Am Ende des Krieges ergab eine Bilanz... 4
  • Insgesamt kamen mindestens 2905 Menschen durch die Angriffe ums Leben.
  • In Braunschweig lagen etwa 2.225.000 Kubikmeter Trümmerschutt.
  • Der vernichtete Wert lag bei rund 2,3 Milliarden Mark. Die Stadt gehörte damit zu den Großstädten Deutschlands, die am schwersten an der Trümmerlast zu tragen hatten.
  • 90 % der Innenstadt (darunter etwa 800 Fachwerkhäuser des 15. bis 18. Jh.), 50 % der Industrieanlagen und 60 % der öffentlichen Gebäude (auch Kirchen und Baudenkmäler) waren zerstört oder schwer beschädigt.
    Der Gesamtzerstörungsgrad der Stadt betrug 52 %.
  • Dazu kamen noch 4024 total zerstörte Wohnhäuser (25,3 % aller Wohnhäuser), 1005 schwer beschädigte Wohnhäuser (6,3 %); 19619 Wohnungen (32,8 % aller Wohnungen) galten als Total- oder bedingter Totalschaden, was fast immer einem Neubau gleichkam. 29054 Wohnungen (48,5 %) hatten mittlere und leichte Schäden davongetragen. Nur etwa jede fünfte Wohnung hatte also den Krieg unbeschadet überstanden.
  • Die Einwohnerzahl Braunschweigs sank von 201306 (Ende 1939) auf 136318 (1945). Wohnten 1939 noch etwa 18,4 % der Bevölkerung in der Innenstadt, so fanden dort nach Kriegsende nur noch etwa 4 % der Bevölkerung eine Unterkunft.
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